Verantaltungshinweis


Veranstaltungsübersicht

Alle Veranstaltungen finden in der Friedrich-Schiller-Universität in Jena im Hörsaal 9, Carl-Zeiss-Str. 3, statt.

Idee

Im alltäglichen Selbstverständnis von Geschlecht wird davon ausgegangen, dass es eine feststehende natürliche bipolare Geschlechterordnung gibt, dass jeder Mensch entweder männlich oder weiblich ist. Diesen biologischen Geschlechtern werden verschiedene gesellschaftliche Geschlechtsrollen als selbstverständlich zugeschrieben: Frauen gelten etwa als emotional und fürsorglich und Männer als rational und dominant.
Das körperliche Geschlecht (sex) bestimmt nach dieser Auffassung das soziale Geschlecht (gender). Aus geschlechterkritischer Perspektive wird dieses gesellschaftliche Verständnis des Normalen hinterfragt. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen werden dabei zunehmend als gesellschaftliche Konstruktion betrachtet. Während die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung dazu tendiert, lediglich die geschlechterspezifischen Rollenzuschreibungen zu problematisieren, sehen Queer-TheoretikerInnen sowohl die Geschlechtsrolle (gender) als auch das biologische Geschlecht (sex) als konstruiert an.

Welche Bedeutung kommt Geschlecht überhaupt zu? Bedarf es für ein gesellschaftliches Miteinander einer Zweiteilung in Frauen und Männer? Welche individuellen und biographischen Auswirkungen hat die Konstruktion von Geschlechtlichkeit?

Die Veranstaltungsreihe lädt ein, über gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständlichkeiten zu diskutieren. Dabei ist es uns zugleich ein Anliegen, auf die bisher deutlich unterrepräsentierte Geschlechterforschung in den sozialwissenschaftlichen Fächern in Jena hinzuweisen und einen Impuls für eine intensivere und produktivere Auseinandersetzung mit den Gender-Studies zu geben.
Nach einer inhaltlichen Einführung in die Gender-Studies und die aktuelle Geschlechterdebatte wird es außerdem Vorträge zu folgenden Themen geben: *Geschlechterkonstruktion in der Werbung *Gender, Migration und Arbeit *Gender-Mainstreaming und *Queer-Theory.

Was sie schon immer über Geschlecht wissen wollten… Feministische Theoriepositionen und ihre politischen Folgen

30. Mai 2007 – 20 Uhr
Ina Kerner (Berlin)

Feminismus ist sowohl theoretisch als auch politisch alles andere als ein homogenes Projekt. Schon bei der zentralen Kategorie „Geschlecht“ oder vielmehr ihren Unterkategorien „Sex“ und „Gender“ scheiden sich die Geister darüber, wie man sie am besten fassen sollte und was an ihnen problematisch ist. Von der Frage, wie eine adäquate Geschlechterpolitik aussehen sollte, ganz zu schweigen. Ina Kerner wird in ihrem Vortrag die wichtigen Grundpositionen des feministischen Theoriekanons vorstellen und hinsichtlich ihrer politischen Implikationen befragen.

Dr. Ina Kerner ist Politologin und arbeitet am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. Sie beendete 2006 ihre Promotion über Differenzen und Macht. Zum Verhältnis von Rassismus und Sexismus.

Zum Weiterlesen:
Ina Kerner (2004): Geschlecht, in: Gerhard Göhler, Mattias Iser, Ina Kerner (Hg.): Politische Theorie. 22 umkämpfte Begriffe zur Einführung, Wiesbaden, S. 137-154.
Ina Kerner (2002): Identität/Macht – feministische Positionen zu einer umkämpften Beziehung, in: Gerhard Göhler, Judit Hell (Hg.): Macht und Vertrauen in den (neuen) Demokratien. Miskolc, S. 87-109.

Glanzvolle Auftritte – Geschlechterkonstruktion in der Werbung

5. Juni 2007 – 20 Uhr
Karin Esders (Bremen)

Ein Grundgedanke der Geschlechterforschung besagt, dass Gender keine naturgegebene Eigenschaft ist, sondern im alltäglichen Handeln, ebenso wie in institutionellen Anordnungen, in wissenschaftlichen Abhandlungen, in Erzählungen und Bildern ständig hervorgebracht wird. Wie eine richtige Frau oder ein echter Mann zu sein hat, ist abhängig von veränderlichen gesellschaftlichen Deutungen und Normen: Das Heimchen am Herd oder der Macho an der Maschine haben weitgehend ausgedient und sind von neuen Idealbildern ergänzt worden.
Diese beweglichen Ideale von Weiblichkeit und Männlichkeit werden von der Werbung aufgegriffen und in den Warenkreislauf eingeführt. Anhand aktueller Beispiele aus der Zeitschriftenwerbung untersucht der Vortrag, wie Geschlechterunterschiede konstruiert werden und welche Idealvorstellungen damit in Verbindung gebracht werden. Welche glanzvollen Auftritte verspricht die Werbung, um geschlechtlich codierte Produkte lustvoll aufzuladen und zu vermarkten?

Dr. Karin Esders ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik/Amerikanistik an der Universität Bremen. Sie studierte Amerikanistik, Literatur- und Politikwissenschaften und promovierte über Weiblichkeit und sexuelle Differenz im amerikanischen Genrekino. Funktionen der Frau im frühen amerikanischen Westernfilm, 1896 – 1929. Sie arbeitet an ihrer Habilitationsschrift zum Thema Identität, Gender, Medien. Versionen moderner Selbstentwürfe in der frühen amerikanischen Romankultur, im frühen amerikanischen Kino und im Internet.

Zum Weiterlesen:
Karin Esders (2002): Grenzauflösungen: Körper, Wissen, Medien, Potsdamer Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung 5.1+2.
Karin Esders (1997): Die Kodifizierung von Weiblichkeit im amerikanischen Genrekino: Funktionen der Frau im frühen amerikanischen Westernfilm, 1896 -1929, Trier.

Deklassierung und Emanzipation – Zum Zusammenspiel von Geschlecht, Ethnizität und Klasse

12. Juni 2007 – 20 Uhr
Maria do Mar Castro Varela (Köln)

Bereits seit den 80er Jahren steigt die Zahl der Arbeitsmigrantinnen, die in ungeschützten Arbeitsverhältnissen tätig sind kontinuierlich an. Migrantinnen arbeiten insbesondere dort, wo ihre Arbeit schlecht vergütet wird und der Arbeitsplatz potentiell gefährdet ist. Darüber hinaus ist ihre Lebenssituation von langen Perioden der Erwerbslosigkeit, die sozial destabilisierend und beruflich dequalifizierend wirken, bestimmt. Die aktuellen Hartz-Reformen greifen hier in vielfacher weise verschärfend ein.
Während Migrantinnen der so genannten zweiten Generation nach wie vor erhebliche Diskri-minierungen beim Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt bewältigen müssen, müssen Migran-tinnen, Flüchtlinge und Aussiedlerinnen, die ihre Qualifikationen außerhalb Deutschlands erworben haben, mit Dequalifizierungen rechnen. Effekt davon ist ein geschlechtlich und ethnisch segregierter Arbeitsmarkt. Bedenkt man nun, dass in den 70er Jahren erheblich mehr Migrantinnen als deutsche Frauen lohnarbeitend waren, fragt sich, warum das Verhältnis sich heute quasi verkehrt hat und welche Rolle der Migrantin bei der „Emanzipation“ der deutschen Frau zukommt. Dementsprechend soll im Vortrag insbesondere der Frage nachgegangen werden, wie Deklassierung und Emanzipation zusammenspielen.

Dr. María do Mar Castro Varela, promovierte Politologin, Diplom-Psychologin, Diplom-Pädagogin, Mitgründerin und Vorstandsmitglied des Instituts für Migra-tions- und Ungleichheitsforschung (imuf), im Wintersemester 2006/2007 Maria-Goeppert-Mayer Gastprofessorin für Internationale Frauen- und Genderfro-schung an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, ab Wintersemester 2007/2008 Prof. an der Alice-Salomon Fachhochschule für Pädagogik mit Schwerpunkt Gender und Queer.

Zum Weiterlesen:
María do Mar Castro Varela (2007): Unzeitgemäße Utopien. Migrantinnen zwi-schen Selbsterfindung und Gelehrter Hoffnung, Bielefeld.

GeschlechterMacht – Gender-Mainstreaming und Antidiskriminierungspolitik

19. Juni 2007 – 20 Uhr
Heike Weinbach (Berlin)

Mit dem Vertrag von Amsterdam wurde Gender-mainstreaming seit 1999 sukzessive in die europäische Politik als Zentralstrategie zur Gleichstellung der Geschlechter (hier im Sinne von: Frauen und Männern) eingeführt. Zur Zeit steht das Konzept in der offiziellen Politik wenig im Mittelpunkt, obwohl es noch längst nicht zum Mainstream geworden ist. Zeitgleich diskutieren Menschen und Antidiskriminierungsprojekte über eine dritte Welle der Geschlechterbewegungen als Menschenrechtsbewegungen. Im Vortrag wird den Inklusions- und Exklusionsresultaten der Gender-mainstreaming-Politik auf europäischer und bundesdeutscher Ebene nachgegangen.

Dr. Heike Weinbach studierte Philosophie, Germanistik und Soziologie. Sie war lange Zeit Frauenbeauftragte an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin und promovierte mit einer Arbeit über Philosoph und Freier. Walter Benjamins Konstruktionen der Geschlechterverhältnisse. Heute arbietet sie als freie Philosophin, Publizistin und Social Justice-Trainerin.

Zum Weiterlesen:
Heike Weinbach (2001): Die Kunst, Begriffe zu fluten. Die Karriere des Konzeptes ’Gender Mainstreaming’, in: Forum Wissenschaft, Heft 2, S.8.
Barbara Nohr / Silke Veth (Hg.) (2002): Gender Mainstreaming. Kritische Reflexion einer neuen Strategie, Berlin.

Heteronormativität und die Infragestellung der Zweigeschlechtlichkeit

10. Juli 2007 – 20 Uhr
Antke Engel (Hamburg)

Im Kontext der Queer Theorie und neuer sexueller Bewegungen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten ein neues Wissen von Geschlecht und Sexualität etabliert. Es zeichnet sich durch eine Denaturalisierung und Delegitimierung der Zwei-Geschlechter-Ordnung und eine VerUneindeutigung der Begehrensrelationen aus, die nicht auf die Alternative homo-, hetero- oder bisexuell zu beschränken seien. Der Vortrag wird den Begriff der Heteronormativität einführen, um den Zusammenhang zwischen normativer Heterosexualität und rigider Zweigeschlechtlichkeit machtanalytisch zu erklären und nach Möglichkeiten bzw. Perspektiven der Veränderung zu fragen. Anschließend soll dann mit Hilfe des Denkens von Michel Foucault nach dem Status eines queer theoretischen Wissens gefragt werden, das nicht beansprucht, eine neue Geschlechterwahrheit zu verkünden.

Dr. Antke ENGEL ist promovierte Philosophin, feministische Queer Theoretikerin und Leiterin des „Instituts für Queer Theory“ (Hamburg/Berlin: www.queer-institut.de). Zwischen 2003 und 2005 war sie an der Universität Hamburg Vertretungs-/ Gast-Professorin für Queer Studies. Ihre Dissertation zu Repräsentationskritik, kulturellen Politiken und der „Strategie der VerUneindeutigung“ (Universität Potsdam) ist unter dem Titel: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation (Frankfurt/M.: Campus 2002) veröffentlicht.

Zum Weiterlesen:
Antke Engel (2002): Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation, Frankfurt am Main/New York.
Andreas Kraß (Hg.) (2003): Queer denken, Frankfurt am Main.